Liebe als Medium
Einleitung
Liebe als Medium oder Liebe in den Medien – ein Thema, dem erst seit der Einführung des Internets eine starke Wichtigkeit zuteil geworden ist. Vorherige Modelle über Zeitungen, Magazine, Funk und Fernsehen hatten zu keiner Zeit diese Diskussionswürdigkeit und Bandbreite, wie das Internet. Es hat das anonyme Kennenlernen, das „Blind-Date“, fast über Nacht revolutioniert.
Für jene verzweifelten Singles ist es das Format geworden, wo Liebe gesucht, wenn auch meist nicht gefunden, wird. Dahinter steckt ein sehr rentables Geschäftsmodell voll geweckter Hoffnungen und unerfüllter Wunschträume vom perfekten Partner.
Doch nur selten werden die gesellschaftlichen Folgen dieser Form des Kennenlernens diskutiert. Schnell stellt man fest, dass es ein Markt ist, der mit Authentizität nicht mehr viel zu tun hat und die verlangte Selbstreflexion zum Selbstbetrug wird. Man schmückt sich mit humoristischen Phrasen und intelligent wirkenden Ausdrucksweisen – genauso wie wenn man für die Disco den Lidstrich zieht.
Am Ende ist man enttäuscht, wenn man den kennengelernten Traumpartner in der Realität trifft und dieser so rein gar nicht dem entspricht, was man sich unter ihm vorgestellt hat.
Im folgenden Text beschreibe ich die Vorgänge des Kennenlernens über das Internet bis zum realen Date und suche ein Rezept, wie aus einer Internetbekanntschaft eine erfolgreiche Liebesgeschichte werden kann.
Wissenswertes
2004 veröffentlicht eine der größten Singledating-Plattformen „Match.com“ ihre Nutzerdaten. Sie ist wie viele andere Datingplattformen auf die Vermittlung von Singles ausgerichtet und verspricht jedem Nutzer die Liebe seines Lebens zu finden. Das grenzt sie von anderen Plattformen ab, welche nur Vermittlung auf sexueller Basis anbieten. „Match.com“ besitzt zu diesem Zeitpunkt ca. 12 Millionen Nutzer, wo von 89.000 Nutzer glauben, die Liebe ihres Lebens gefunden zu haben. Ein nicht gerade berauschendes Ergebnis, wenn man von dem Versprechen, der riesigen Auswahl an Singles und Suchmöglichkeiten ausgeht, welche diese Plattform anbietet. Dennoch zeigt die Nutzerzahl welches starke Bedürfnis an Zweisamkeit der Mensch hat und wie beliebt diese Plattformen heutzutage sind.
Die Nutzer zahlen hier teils mehr als 25 US-Dollar im Monat. In Deutschland sind es 2010 oft bis zu 35 Euro im Monat, je nach Plattform und Abonnement.
Auch der Konkurrent „Matchnet.com“ kann sich mit 9,5 Millionen Nutzer sehen lassen – und das im Jahre 2004, wobei der Markt seither jedes Jahr stetig wächst.
Warum Singleplattform?
Die Frage, die sich uns stellt – und mit uns meine ich einen durchschnittlichen Menschen mit gesundem Selbstbewusstsein, natürlicher Sozialkompetenz und Attraktivität – ist doch: Warum meldet man sich auf einer solchen Datingplattform an? Sicher sollte man Single sein und einen Internetanschluss haben, aber wie muss man sich fühlen oder in welcher Lebenssituation muss man sich befinden, um diesen Schritt zu wagen?
Besitzt man nicht die entsprechenden Faktoren, um im echten Leben einen Partner zu finden – was natürlich sehr oberflächlich betrachtet ist, denn schließlich bietet sich eigentlich immer und für jeden die Möglichkeit einen passenden Partner zu finden – oder hat man schlechte Erfahrungen mit Dates gemacht, ist schüchtern, nicht besonders attraktiv und hat diesbezüglich schon einige Enttäuschungen hinnehmen müssen, kommt man wohl als potenzieller Nutzer eines Datingplattform eher in Frage. Kann man zudem eine Internetaffinität vorweisen, liegt es nahe, dass man früher oder später auf eine der vielzähligen Bannerwerbungen aufmerksam wird und sich bei einer Singledatingplattform anmeldet.
Erstellung eines Profils
Einmal angemeldet, gilt es, ein Profil zu erstellen. Nun ist das Profil nicht einfach nur ein Abbild der eigenen Persönlichkeit, sondern vielmehr ein öffentlicher Auftritt des privaten Selbst.
Bei fast allen Plattformen ist es inzwischen üblich einen Fragebogen bestehend aus teils bis zu 150 Fragen zu beantworten, welcher ein umfassendes Abbild der eigenen Persönlichkeit abbilden soll. Diese Fragen werden in aller Regel durch ein psychologisches Gutachten erstellt, womit sich die viele Plattformen allzu gerne brüsten.
Was schon nach einem erheblichen Zeitaufwand klingt, stellt sich meist als noch viel komplexere Aufgabe heraus, denn es erfordert ein hohes Maß an Selbstreflexion, Selbstbeobachtung und Selbstklassifizierung der eigenen Persönlichkeit in all ihrer Vielseitigkeit auszudrücken. Man muss erst einmal sich selbst definieren, um zu wissen, was oder wen man eigentlich suchen will.
Zu dieser objektiven Selbstbeschreibung, muss man unter anderem seinen Charakter beschreiben, wobei man schnell merkt, dass es hier mehr um eine Selbstkonstruktion als um eine objektive Beschreibung der Persönlichkeit geht. Hier ist es wichtig zu verstehen, was das Profil eigentlich ist. Eva Illouz beschreibt das Profil als „Antwort des Computers auf die Frage, wer man ist“. Es nicht das, was man im echten Leben ist, sondern vielmehr ein neuer Körper, den man erschafft. Die Romanze im Netz ist der realen Beziehung in puncto innere Werte überlegen, weil eine „Entkörperlichung“ der Person durch das Erstellen eines Profils entsteht. Das Selbst offenbart sich besser und authentischer, wenn es außerhalb der Zwänge des Körpers, sprich dem Aussehen oder Emotionen, wie schwitzenden Handflächen, errötenden Wangen, beschleunigtem Herzschlag, Tränen und stottern auftritt. Der Computer bzw. das Netzprofil erlaubt dem Menschen seinem Körper zu entrinnen und sich nur durch sein authentisches, inneres Selbst auszudrücken. Durch diese Entkörperlichung findet eine Umkehrung der romantischen Interaktion statt: Wo im echten Leben der erste Eindruck im Normalfall durch körperliche Anziehung passiert und erst im zweiten Schritt das Wissen über die Persönlichkeit des Interaktionspartners nach sich zieht, werden im Netz die „inneren Werte“ zuerst übermittelt und erst mit dem zweiten Schritt, beim ersten Date beispielsweise, spielt auch körperliche Anziehung ihre Rolle.
Attraktivität oder Authentizität?
Man muss sich selbst textualisieren, sodass das körperlose Profil Stück für Stück zu einem zweiten Körper wird. Schnell steht man hierbei im Zwiespalt zwischen Attraktivität und Authentizität, denn da man sich als eine Art Ware in der Öffentlichkeit präsentiert, steht man im Widerspruch von Ehrlichkeit zu Marktfähigkeit. Onlinedating ist im Prinzip nichts anderes als ein Markt, bei dem man zu einem öffentlichen Produkt wird und sich in endlosen Katalogen mit konkurrierenden Mitbewerbern präsentiert. Dabei konkurriert man mit den Faktoren Text und Bild – ganz klar, dass hier das Profil mit der attraktivsten Präsentation höhere Besucherzahlen aufweist, als andere. Denn am Ende belügen wir uns immer: Ein Brad Pitt ist auf den ersten Blick immer ansprechender als Klaus von nebenan.
Das sonst nicht veränderbare, reale Profil des Menschen wird im Netz aufgrund dieser Markteigenschaft des Internets verhandelbar. Um erfolgreich zu sein, muss man sich selbst vermarkten. Die objektive Selbstreflexion konfrontiert also mit der Selbstvermarktung, was zur Folge hat, dass man anfängt, sein Profil aufzuwerten und zu manipulieren. Selbstbeobachtung wird zu Selbstbearbeitung, Selbstdarstellung zu Selbsterfindung, Selbstklassifizierung zu Selbstkonstruktion. Man versucht zu verführen und zu täuschen: Das ist das Make-Up des Internetdates.
Was auf den ersten Blick wie Selbstbetrug aussieht, begegnet uns aber auch tagtäglich im echten Leben. Sehen wir uns selbst an, wenn wir auf die Straße gehen: Wir kreieren eine Persönlichkeit, welche sich durch gutes Benehmen, saubere und modische Kleidung auszeichnet und von Körperschmuck, angefangen bei Accessoires, Ketten und Ringen bis zu Make-Up, Push-Up oder Schönheitsoperation reicht. Auch bestimmte Sprachmuster und Ausdrucksweisen bestimmen unser Auftreten in der Öffentlichkeit und können einen gewünschten Eindruck bei unseren Mitmenschen hinterlassen.
Im Netz haben wir diese Mittel vorzugsweise durch textualisierte Sprache und das Foto.
Man sieht also die Parallelen zu der bereits erwähnten Umkehrung der romantischen Interaktion. Der erste Interaktionsfaktor ist voll von Manipulation der eigenen Persönlichkeit.
Doch während man im realen Leben je nach Ort und Publikum in neue Rollen schlüpfen kann, muss man sich im Internet einer breiten Öffentlichkeit, einem abstrakten und verallgemeinerten Publikum anbieten und kann sich nicht auf den einzelnen individuell einstellen. Es ist also sehr viel Zeit und Aufwand nötig, ein marktfähiges Profil im Netz zu erstellen.
Abspecken für das Internet
Zur Selbstbeschreibung gehören außer der Beschreibung des Charakters noch die Punkte: äußere Erscheinung, Interessen, Vorlieben, Wertvorstellungen (Finde ich gut oder schlecht), Wünsche und Erwartungen an den Partner und natürlich der Upload von einem oder mehr Fotografien. Das Foto ist der einzige (optische) Körperkontakt im Netz. Es ist die Verbindung zum realen, körperlichen Selbst. Es drückt die Körperlichkeit mit Eigenschaften wie Schönheit, Attraktivität und Erotik aus. Außerdem ist es ein wichtiges Beweisstück für die Existenz der Person hinter dem Profil. Seine Relevanz bei Singleplattformen wird klar, wenn man am Beispiel von Sigal (20 Jahre) feststellt, welche zentrale Rolle das Foto bei der ersten Auswahl spielt. Sie nahm allein für dieses Foto 20 Kg ab. Oder die 30jährigen Galia (Werbefachfrau), die sagt: „Diesen Sommer wollte ich mein Profil verbessern, also bin ich zu meiner Schwester gegangen, die ein gutes Auge für diese Dinge hat; sie sagte, sie würde mir dabei helfen, besser auszusehen. So ging ich zum Friseur, verlor ein bisschen Gewicht, erwarb eine neue Brille und machte dann neue Fotos.“ Die Veränderungen bewirkten einen enormen Besucheranstieg auf ihrem Profil.
Während man beim Text versuchen sollte, mit Uniformität zu brechen, um die Attraktivität zu steigern – beispielsweise durch humorvolle Sprache und anspruchsvolle Textualisierung – versucht man beim Foto eher kulturelle Skripte zu bedienen. Bei einem Fotoshooting wird sollte besonders auf eine erotische oder natürlich-homogene Erscheinung geachtet werden, welche die Attraktivität steigert.
Selbstkonstruktion
Leider gibt es grad im Text noch sehr viele, die sich in der Uniformität der Profile am wohlsten fühlen. Dabei entstehen dann nichts-sagende Aussagen, wie: „Ich bin eine aufgeschlossene, offene, selbstbewusste Frau“ oder „Ich bin süß, aufgeschlossen, gerade erst Single geworden“ oder „Ich bin aufgeschlossen und bereit zu Abenteuern“ oder auch klägliche Versuche, wie „OK, los geht’s, ich bin aufgeschlossen, humorvoll, klein, braunhaarig, habe braune Augen und bin total verrückt“. Diese scheitern augenblicklich durch die Nutzung von inzwischen fast konventionellen Selbstbeschreibungen und Eigenschaftswörtern.
Ratgeber schreiben daher:
„Ganz gleich ob du ein Mann oder eine Frau bist, wenn du wie jeder andere klingst, wird es schwierig, dir irgendwie zu schreiben. Wie fängt man ein Gespräch mit einem Mann an, der geschrieben hat, dass er eine Frau sucht, die zuvorkommend, klug, lustig, rücksichtsvoll, romantisch, sexy und athletisch ist? – Naja vielleicht könntest du sagen: Hallo. Ich bin zuvorkommend, klug, lustig, rücksichtsvoll, romantisch, sexy und athletisch. Ich schätze, wir passen gut zusammen.“
Zum Erfolg führt demnach eher eine sprachliche Originalität verbunden mit physischer Konvention im Foto. Während der Text Eigenschaften wie Humor und Intelligent vermittelt sollte, ist es die Aufgabe des Fotos Werte wie Schönheit und Fitness zu abzubilden.
All diese Vorgänge passieren im besten Fall vor der ersten Interaktion, also der Suche von und Unterhaltung mit potenziellen Partnern.
Die Ökonomie der Partnersuche
Mit der Suche gilt es die nächste Hürde zu nehmen. Oft kommt es vor, dass man, vor allem im fortgeschrittenen Alter, durch gesammelte Lebenserfahrung, umso genauer und detaillierter sucht, dass es fast utopisch erscheint, jemanden zu finden, der in diesen Suchfilter passt. Der Suchfilter wird zu einem Instrument, das den potenziellen Partner bis ins kleinste Detail kategorisiert und somit die Auswahl auf ein Minimum begrenzen kann.
Artemis (33) sagt: „Ich suche nach jemandem, nach etwas, das nicht existiert, aber sehr spezifisch ist. Es muss ein brillanter Mensch sein, vor allem im Feld der Wissenschaft. Und ein komplexer Mensch, was ich an seinen Karten [Profil] erkennen kann, aber auch beim Chatten.“
Man sieht, dass hier die Erwartung mitschwingt, dass er nicht nur einen Text ausgeklügelt formuliert hat, sondern auch live (im Chat oder bei einem realen Date) diese gesteckten Erwartungen erfüllen muss.
Um die Suche im Sinne des schnellen Kapitalismus und der heutigen Konsumgesellschaft so ökonomisch wie möglich zu halten, ordnet Artemis ihre Männeranfragen nach Interessantheit. Sie kann zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung 26.347 Profilbesuche von Männern vorweisen.
Routine statt Romantik
Kommt es zu einem realen Date leidet auch dieses unter dem möglichst produktiven Abhandeln von Netzbekanntschaften. So wirkt das Treffen meist wie aus einem Drehbuch entnommen. Jeder gibt Fragen und Antworten aus einem durch Routine erzeugten Repertoire zum Besten. Es werden immer die gleichen Witze erzählt und sogar teils die gleiche Kleidung getragen. Unter diesem Gesichtspunkt gleicht es eher einem berechneten Ritual anstatt jener kribbelnden Date-Erfahrung.
Artemis beispielsweise trägt immer eine weiße Bluse und Jeans. Aus dem psychologischen Aspekt der Selbstvermarktung drückt beides ein sauberes, ordentliches und lockeres Auftreten aus, ohne sich auf einen besonders schicken oder besonders einfachen Kleidungsstil festzulegen.
„In den meisten Fällen hab ich keine Erwartungen. Ich weiß genau was passieren wird.“
Bei aller Routine bleibt die übliche Romantik auf der Strecke. Die Verzauberung und Aufregung durch Unwissenheit bei einem realen Date geht verloren bzw. kann gar nicht entstehen, da schon ein großer Wissensstand über die andere Person vorliegt. Die Neugierde wird nur noch dem Körper zuteil.
In manchen Fällen wird hier jedoch das Aussehen durch das Vorwissen und unsere Vorstellungskraft übertroffen oder sogar übertrieben. Man vermischt Erfahrungen aus der abstrakten Kennenlernphase online mit dem Bild der gegenwärtigen Situation und entscheidet über die eigene Wahrnehmung der Realität. Hier fängt man an, sich selbst zu täuschen und legt den Grundstein für das Verliebt-Sein.
Die Rosa Brille
Ist man verliebt, so neigt man eigentlich immer zur Überwertung des „Liebesobjekts“. Man idealisiert und stellt die geliebte Person als einzigartig gegenüber anderen dar. Jedes Detail, ob positiv oder negativ wird zu einer Besonderheit erhoben, man ordnet sich selbst dieser Person ein Stück weit unter und teilt ihr höhere Wichtigkeit zu, als sich selbst.
Wenn wir jetzt noch analysieren, was uns bei einem Date anmacht, stellen wir schnell fest, dass es schwierig wird auf dieser abstrakten Gefühlsbasis rationale Erklärungen anzuwenden. Denn bei einem ersten Date sind es meist nicht die Gemeinsamkeiten wie Hobbys, sondern viel subtilere Prozesse wie vertraute Körpersprache und attraktive Gesten, die wir unterbewusst mit Vertrautheit und einem Wohlgefühl verbinden. Oft reizt es uns auch, die Komplexität einer Person erforschen zu wollen. Das alles macht die Spannung zwischen zwei Datingpartnern aus.
Die harte Realität
Doch was so schön klingt, ist vor allem beim Aufeinandertreffen zwei Internetbekannten nicht die Regel. Das liegt vor allem daran, dass man eine Vergleichsbasis hat. So kommt es nicht zu selten vor, dass das Internetprofil einer Person mit den Vorstellungen und Erwartungen an die reale Person nicht zusammenpasst: Die Schrift passt nicht zur Sprache, die Beschreibung nicht zum Aussehen oder Verhalten.
Es ist das übliche Phänomen des realen Dates nach einem Kennenlernen über das Netz. Das Internet verhindert das natürliche Verhandeln unserer Suchfilter und Bedingungen, weil wir die Möglichkeit haben, dem perfekten Menschen oder zumindest dieser Utopie nachzujagen, um dann am Ende verzweifelt und enttäuscht feststellen zu müssen, dass es so etwas nicht gibt.
Fazit
Möchte man also erfolgreich Onlinedaten, sollte man versuchen, sein Profil auf einer attraktiven Abstraktion zu halten, um später in der Realität dieses Profil noch übertreffen zu können. Dann hat man die besten Chancen ein erfolgreiches Date zu haben – solange einem der potenzielle Partner zusagt.